- 23. April 2026
- Citykirche Konkordien
- Workshop mit geladenen Akteursgruppen
Workshop: Wenn die Kirche auszieht – Soziale Orte im Wandel
Das erste Lab des Forschungsprojekts fand als kombinierte Veranstaltung mit Workshop und öffentlicher Abendveranstaltung statt. Ziel des Workshop-Nachmittags war es, gemeinsam mit geladenen Akteur*innen aus Kirche, Immobilienwirtschaft, Architektur, Stadtverwaltung, Sozialwesen und Stiftungen Perspektiven für den Umgang mit kirchlichen Gebäuden und deren Rolle als soziale Orte zu diskutieren. In drei Arbeitsrunden wurden folgende Fragen verhandelt: 1. Was sind soziale Orte? 2. Was sind soziale Orte zukünftig? 3. Wie macht man soziale Orte?
Was sind soziale Orte (zukünftig)?
Es wurde deutlich, dass soziale Orte vor allem Orte der Begegnung, Interaktion und Teilhabe sind, die Menschen unabhängig von Voraussetzungen zusammenbringen. Sie sind nicht zwingend an Gebäude gebunden, sondern entstehen dort, wo Menschen zusammenkommen, sich engagieren und Orte gemeinsam aneignen. Entscheidend ist weniger der Raum als eine tragende Gemeinschaft, die den Ort belebt und organisiert. Soziale Orte übernehmen im Quartier eine wichtige Funktion: Sie wirken als Knotenpunkte sozialer Interaktion, stärken Identität und verbinden Menschen über Alltagswege hinweg. Gleichzeitig wurde sichtbar, dass Verbindlichkeit verloren gehen kann, wenn zentrale Akteur*innen – etwa die Kirche – wegfallen. Für die Zukunft wurde betont, dass soziale Orte vielfältiger werden: Physische und digitale Räume ergänzen sich zunehmend, während Anforderungen an Flexibilität, Zugänglichkeit und Nutzungsvielfalt steigen. Im kirchlichen Kontext zeigen sich dabei sowohl Potenziale als auch Herausforderungen. Kirchen können weiterhin identitätsstiftende Orte sein und neue Zielgruppen ansprechen, gleichzeitig können bestehende Strukturen, Zuschreibungen oder räumliche Einschränkungen auch Hürden darstellen. Entscheidend sind eine offene Haltung, aktive Akteur*innen sowie die Bereitschaft, neue Nutzungen zuzulassen.
Wie macht man soziale Orte?
Akteur*innen
Für das Gelingen eines sozialen Orts wurden unterschiedliche Akteursgruppen und Herangehensweisen diskutiert. Einerseits gibt es eine eher institutionalisierte Herangehensweise, die klare Strukturen und Zuständigkeiten bietet, jedoch nicht an jede Stelle übertragbar ist. Zentral ist hier die Rolle einer koordinierenden Stelle, die Akteur*innen vernetzt, Prozesse anstößt und als Ansprechpartnerin fungiert. Diese Unterstützung dient als Initialzündung und soll so lange wirken, bis sich eine Idee beziehungsweise ein Ort selbst trägt und andere Verantwortung übernehmen. Erst durch diese „Mitmacher*innen“ wird ein sozialer Ort tatsächlich lebendig. Neben der Organisation und der Mitwirkung braucht es die Finanzierung als dritte Komponente. Daneben steht eine eigendynamische Herangehensweise, die näher an der gelebten Praxis sozialer Orte liegt, gleichzeitig aber ein hohes Maß an Eigeninitiative voraussetzt. Ausgangspunkt sozialer Orte sind hier Beziehungen: Beziehungen zwischen Menschen, zur Nachbarschaft, zu einer Stadt oder auch zu einem bestimmten Gebäude. Soziale Orte entstehen dort, wo Menschen miteinander in Kontakt treten und gemeinsame Interessen entwickeln. Daher braucht es auch einen konkreten Anlass, warum Menschen zusammenkommen. Fragen der Verstetigung oder organisatorischen Absicherung treten erst später in den Vordergrund. Der Prozess muss nicht von Beginn an vollständig organisiert oder strukturiert sein. Entscheidend ist deshalb auch, dass jemand Vertrauen schenkt und Möglichkeitsräume eröffnet – etwa indem einer engagierten Person oder Gruppe ein Ort zur Verfügung gestellt wird.
Finanzierung
Die Finanzierung sozialer Orte beinhaltet einen grundlegenden Zielkonflikt: Soziale Nutzungen erzeugen oft geringe Einnahmen, während Bau-, Sanierungs- und Betriebskosten dauerhaft gedeckt werden müssen. Als zentrale Strategie wurde daher eine Nutzungsmischung diskutiert, bei der wirtschaftlich tragfähige Nutzungen soziale Angebote querfinanzieren. Modelle aus der Stiftungspraxis zeigen, dass Erbbaurechte, Mischfinanzierungen und sozial gestaffelte Mieten dabei eine wichtige Rolle spielen können, auch wenn ihre Umsetzung in der Praxis mit Hürden verbunden ist. Gleichzeitig wurde betont, dass rein soziale Nutzungen in der Regel nicht ausreichen, um langfristige Tragfähigkeit zu sichern. Vielmehr braucht es einen ausreichenden wirtschaftlichen Anteil sowie klare Zuständigkeiten bei Finanzierung und Betrieb. Für kirchliche Immobilien wurde zudem die Notwendigkeit hervorgehoben, den Bestand strategisch zu bewirtschaften, um soziale Nutzungen weiterhin zu ermöglichen. Die öffentliche Hand kann Impulse setzen, stößt jedoch angesichts knapper Ressourcen an Grenzen. Insgesamt wurde deutlich, dass es kein einheitliches Modell gibt, sondern standort- und objektspezifische Lösungen notwendig sind, die sich aus Nutzung, Finanzierbarkeit und lokalen Rahmenbedingungen entwickeln.
Anforderungen
In der Diskussion wurde deutlich, dass soziale Orte weniger gezielt „gemacht“ werden können, sondern aus Prozessen entstehen, die auf Hinhören, Hinschauen und das Ernstnehmen von Bedarfen setzen. Entscheidend ist, passende Bedingungen, Räume und Ressourcen bereitzustellen, damit Menschen Orte selbst gestalten und aneignen können. Als Voraussetzungen wurden neben geeigneten Räumen und finanziellen Mitteln auch ein Mindestmaß an Organisation und Zuständigkeiten benannt. Ergänzend spielen Aufenthaltsqualität, Gestaltung sowie gemeinschaftsstiftende Elemente wie Essen und Trinken eine wichtige Rolle.
Im Kontext von Kirchengebäuden wurden zentrale Lagen als Chance, aber mangelnde Offenheit, Flexibilität und Vorgaben durch Denkmalschutz und Liturgie als Hemmnisse beschrieben. Als Ansätze galten flexible und reversible Raumnutzungen sowie ergänzende Angebote. Für die Umsetzung wurde betont, dass es neben Bedarf vor allem Prozessbegleitung und tragfähige Organisations- und Finanzierungskonzepte braucht. Insgesamt wurde deutlich, dass vorhandene Ressourcen besser aktiviert und durch klare Strukturen in langfristig tragfähige Projekte überführt werden müssen.
Hemmnisse
In der Diskussion wurden zentrale Hindernisse für die Entwicklung sozialer Orte benannt, insbesondere im kirchlichen Kontext. Deutlich wurde, dass Widerstände häufig aus der emotionalen Bindung an bestehende Räume entstehen, verbunden mit Ängsten vor Veränderung und dem Verlust spiritueller Bedeutung. Gleichzeitig wurde betont, dass die Entwicklung neuer Nutzungen nicht vom Gebäude ausgehen sollte, sondern von der grundlegenden Frage nach der zukünftigen Rolle von Kirche im gesellschaftlichen Kontext. Daraus lassen sich passende Nutzungskonzepte ableiten.
Als Herausforderungen wurden neben emotionalen und kulturellen Barrieren auch Finanzierung, hohe Betriebs- und Energiekosten, Denkmalschutz sowie rechtliche Rahmenbedingungen genannt. Als mögliche Ansätze wurden begleitete Transformationsprozesse, Mehrfachnutzungen und eine stärkere Öffnung für unterschiedliche soziale und gemeinschaftliche Funktionen hervorgehoben. Insgesamt wurde deutlich, dass erfolgreiche Veränderungen eine klare Strategie, gute Moderation sowie die Bereitschaft erfordern, kirchliche Räume neu zu denken und schrittweise weiterzuentwickeln.
Am Abend wurde die Veranstaltung durch Grußworte von Dekanstellvertreterin Anne Ressel und Baubürgermeister Ralf Eisenhauer eröffnet. Einen inhaltlichen Impuls gab Prof. Dr. Ingrid Breckner (HCU Hamburg i. R.), bevor in der anschließenden Podiumsdiskussion mit Ania Corcilius, Saskia Hebert, Dr. Thomas Schwieren und Dr. Tobias Vahlpahl zentrale Fragen zur Zukunft sozialer Orte vertieft wurden.